Lotsen im System

Nach Unfall oder Diagnose einer schweren Krankheit sieht die Welt plötzlich ganz anders aus

Dann geraten Betroffene und ihr Umfeld schnell an Grenzen. Wie es weitergehen kann vermitteln Mitarbeiter der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB). Das klingt sperrig, hilft aber. Und es wird immer mehr nachgefragt berichten Andrea Schmidt und Berthold Sommer.

Im schulischen Alltag ist der neue Begriff der Inklusion, die Einbeziehung von Menschen mit Beeinträchtigungen/Problemen in die Gesellschaft, mittlerweile bekannt. Aber wie ist es im Alltag? Da sind doch die betroffenen und ihre Familien oftmals auf sich alleine gestellt. Das muss nicht sein, meinen Andrea Schmidt und Berthold Sommer, die seit etwas mehr als einem Jahr im Vogelsbergkreis die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) betreiben.
Seit Anfang 2018 wird bundesweit das EUTB-Angebot aufgebaut. In mehr als 500 Anlaufstellen sollen Menschen mit Fragen zur Teilhabe, beispielsweise zu Assistenz und Hilfsmitteln, zu Arbeits-und Wohnmöglichkeiten und vielen anderen Themen unterstützt werden. Im Vogelsberg sind es seit März 2018 zwei Beratungsstellen, die sowohl fast flächendeckend für den Landkreis als auch für einige angrenzende Orte das Angebot sicherstellen.
Andrea Schmidt und Berthold Sommer stellen dabei nicht nur die Beratung vor Ort in Lauterbachund Alsfeld sicher, sondern bieten auch offene Beratungen in allen Gemeinden –ein Konzept, das sich ereits jetzt, nach einem guten Jahr bewährt hat, wie Sommer ausführt. »Wir decken eine große Fläche mit unserem Angebot ab –da ist es unbedingt nötig, den Menschen ein wohnortnahes Angebot zu machen, zumal viele unserer Klienten auch nur bedingt mobil sind«, berichtet der Teilhabeberater mit Sitz in Alsfeld. Damit dies gelingt, waren zunächst Gespräche mit den Bürgermeistern der Kommunen nötig. «›Teilhabe und Barrierefreiheit‹ ist zwar allen ein Begriff«, berichtet Sommer, »die EUTB und ihreZielsetzung mussten wir allerdings erst erläutern. Nun werden in den Gemeinden die Sprechstunden von Sommer und Schmidt in den Mitteilungsorganen publiziert –genauso wie die Veranstaltungsorte, denn nicht immer bietet sich die Gemeindeverwaltung an: »Noch immer sind nicht alle kommunalen Verwaltungsgebäude vollständig barrierefrei«, stellen die beiden Berater fest und hoffen, dass sich dies in naher Zukunft überall ändern wird.

Im Jahr 2018 zählten Sommer und seine Kollegin „108 Beratungen und rund ebenso viele Beratungsanfragen. Die Menschen kommen mit den verschiedensten Anliegen in die Sprechstunden oder wünschen telefonisch Auskunft. »Da gibt es keine richtigen Schwerpunkte«, geben Sommer und Schmidt an, »die Anfragen sind so individuell wie die Menschen, die Unterstützung benötigen. « Ganz oft geht es dabei um Integration auf dem Arbeitsmarkt; Menschen möchten nach einer Krankheit oder einer unfallbedingten Behinderung wieder in ihrem oder einem anderen Unternehmen Fuß fassen. »Wir sind hier oft nur die erste Anlaufstelle, denn genau für diese Fragen gibt es auch den Integrationsfachdienst und das Integrationsamt. Wir beraten zunächst das weitere Vorgehen, verweisen auf die zuständigen Stellen, helfen beim Ausfüllen von Formularen«, beschreibt Sommer eine mögliche Vorgehensweise. Auch Menschen mit geistigen Behinderungen und deren Familien oder Betreuende können die Beratung der EUTB nutzen. In diesen Fällen kann es darum gehen, die Vorstellungen von möglichst selbstbestimmtem Leben und Arbeiten mit den verschiedenen Angeboten abzustimmen und eine möglichst gute Teilhabelösung zu finden. »Manche Beratungen sind daher auch langwieriger«, berichtete Sommer, »da ist es mit nur einem Beratungstermin oft nicht getan. « Auf diese Weise füllt die EUTB eine Lücke in der Beratungslandschaft: Die Berater kennen die regionalen Leistungserbringer, haben Kontakte zu vielen Trägern von Angeboten und verstehen sich darüber hinaus auf das Antragswesen. Dieses Wissen setzten sie direkt für die Klienten ein, die all das aufgrund der Vielzahl von Angeboten und der unterschiedlichen Leistungen oft gar nicht überblicken können.
»Das Ziel der Beratung ist es dann, der einzelnen Person die Informationen an die Hand zu geben, die sie für eine gute, passende Entscheidung benötigt. Wir beraten unabhängig von der Trägerschaft, nur im Sinne des Klienten und sind damit sozusagen der Lotse im System«, fassen Sommer und Schmidt ihre Arbeit zusammen, von der auch Menschen mit psychischen Erkrankungen profitieren können. Auch für sie, die bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt oft beeinträchtigt sind und Ansprüche auf Teilhabeleistungen haben, geht es darum, die verschiedenen Angebote, beispielsweise Werk-oder Tagesstätten, in der Region kennenzulernen. Und die Region ist groß: Der Alsfelder Stützpunkt betreut zehn Gemeinden im Altkreis Alsfeld sowie Ottrau, Schrecksbach und Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis. Von Lauterbach aus werden neun Kommunen im Altkreis Lauterbach, einschließlich Schotten und Gemeinden des angrenzenden Kreis Fulda bedient.

So erreicht man die Beratung
Die Beratungsstelle in Lauterbach, besetzt mit Andrea Schmidt, ist für den südlichen Teil des Vogelsberges zuständig, dazu gehört auch Ulrichstein.
Die Beratungsstelle in Alsfeld, besetzt mit Berthold Sommer, betreut den nördlichen Teil. Dazu gehören unter anderem Alsfeld, Antrifttal, Feldatal, Gemünden, Homberg, Kirtorf, Mücke, Romrod.
Die Beratungsstellen sind Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 10 bis 12 Uhr und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Es können auchTermine außerhalb dieser Zeiten vereinbart werden.

Die Beratungsstellen erreicht man in Lauterbach in der Königsberger Straße 8, Tel. 06641/9783264;
in Alsfeld im Fulder Tor 4, Tel. 06631/8026718;
info@eutb-vb.de oder Info: www.eutb-vb.de.
(pm) Traudi Schlitt

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