Immer den Klienten im Blick

Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung besteht seit einem Jahr im Vogelsbergkreis / Hoher Bedarf sowohl in Alsfeld als auch in Lauterbach

ALSFELD/LAUTERBACH (red). Seit An­fang vergangenen Jahres werden bundesweit Beratungsangebote in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) aufgebaut. In mehr als 500 Anlaufstellen sollen Menschen mit Fragen zur Teilhabe, beispielsweise zu Assistenz und Hilfsmitteln, zu Arbeits-und Wohnmöglichkeiten und vielen anderen Themen unterstütztwerden. Auch im Vogelsberg wurden ab März 2018 zwei Beratungsstellen eingerichtet, die sowohl fast flächendeckend für den Landkreis als auch für einige angrenzende Orte das im Sozialgesetzbuch festgelegte Angebot sicherstellen.

Berthold Sommer und Andrea Schmidt stellen dabei nicht nur die Beratung vor Ort in Alsfeld und Lauterbach sicher,sondern bieten auch offene Beratungen in allen Gemeinden –ein Konzept, das sich bereits jetzt, nach einem guten Jahr bewährt hat, wie Sommer ausführt. „Wir decken eingroßFläche miunserem Angebot ab –da ist es unbedingt nötig, den Menschen ein wohnortnahes Angebot zu machen, zumal viele unsere Klienten auch nur bedingt mobil sind“, sagt der Teilhabe­berater mit Sitz in Alsfeld. Damit dies gelingt, waren zunächst Gespräche mit den Bürgermeistern der einzelnen Kommunen nötig. „Teilhabe und Barrierefreiheit ist zwar allen ein Begriff“, berichtet Sommer, „die EUTB und ihre Zielsetzung mussten wir allerdings erst erläutern.“ Nun werden in den Gemeinden die Sprechstunden von Sommer und Schmidt in den Mitteilungsorganen publiziert – genauso wie die Veranstaltungsorte, denn nicht immer bietet sich die Gemeindeverwaltung an: „Noch immer sind nicht alle kommunalen Verwaltungsgebäude vollständig barrierefrei“, stellen die beiden Berater fest und hoffen, dass sich dies in naher Zukunft überall ändern wird. „Dabei ist es auch unsere Aufgabe, die Begrifflichkeiten ‚Teilhabe‘ und ‚Inklusion‘ inhaltlich zu erklären“,skizziert Sommer einen weiteren Teil seiner Arbeit.
Im Jahr 2018 zählten er und seine Kollegin 108 Beratungen und rund ebenso viele Beratungsanfragen. Besondere Schwerpunkte gebe es bei den Anliegen nicht. „Die Anfragen sind so individuell wie die Menschen, die Unterstützung benötigen“, sagen Sommer und Schmidt. Ganz oft gehe es dabei um Integration auf dem Arbeitsmarkt; Menschen möchten nach einer Krankheit oder einer unfallbedingten Behinderung wieder in ihrem oder einem anderen Unternehmen Fuß fassen. „Wir sind hier oft nur die erste Anlaufstelle, denn genau für diese Fragen gibt es auch den Integrationsfachdienst und das Integrationsamt. Wir beraten zunächst das weitere Vorgehen, verweisen auf die zuständigen Stellen, helfen beim Ausfüllen von Formularen“, erläutert Sommer. Auch Menschen mit geistigen Behinderungen und deren Familien oder Betreuende können die Beratung der EUTB nutzen. Hier könne es darum gehen, die Vorstellungen von möglichst selbstbestimmtem Leben und Arbeiten mit den verschiedenen Angeboten abzustimmen und eine möglichst gute Teilhabelösung zu finden. „Manche Beratungen sind daher auch langwieriger“, berichtet Sommer.

Auf diese Weise füllt die EUTB eine Lücke in der Beratungslandschaft: Die Berater kennen die regionalen Leistungserbringer, haben Kontakte zu vielen Trägern von Angeboten und verstehen sich darüber hinaus auf das Antragswesen.Dieses Wissen setzten sie direkt für die Klienten ein, die all das aufgrund der Vielzahl von Angeboten und der unterschiedlichen Leistungen oft gar nicht überblicken können. „Das Ziel der Beratung ist es dann, der einzelnen Person die Informationen an die Hand zu geben, die sie für eine gute, passende Entscheidung benötigt. Wir beraten unabhängig von der Trägerschaft, nur im Sinne des Klienten und sind damit sozusagen der Lotse im System“, fassen Sommer und Schmidt ihre Arbeit zusammen, von der auch Menschen mit psychischen Erkrankungen profitieren können. Auch für sie, die bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt oft beeinträchtigt sind und Ansprüche auf entsprechende Leistungen haben, geht es darum, die verschiedenen Angebote, beispielsweise Werk-oder Tagesstätten, in der Region kennenzulernen. Und die Region ist groß: Der Alsfelder Stützpunkt betreut zehn Gemeinden im Altkreis Alsfeld sowie Ottrau, Schrecksbach und Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis. Von Lauterbach aus werden neun Kommunen im Altkreis Lauterbach, einschließlich Schotten und drei Gemeinden des angrenzenden Kreises Fulda bedient.
Überall dort möchte man drei bis vier offene Beratungen im Jahr etablieren, die in der lokalen Presse bekanntgegeben werden. Hinzu kommen Einzelberatungen, die bei Bedarf terminiert werden können. Darunter fallen auch aufsuchende Angebote, also Beratungen im Umfeld der Betroffenen.
Einweiterer Schwerpunkt der EUTB ist die Vernetzungsarbeit, wie Berthold Sommer ausführt. „Ein wichtiger Teil des Konzepts ist die Stärkung der Selbsthilfearbeit. “ Dazu wurden Kontakte zu Verbänden und Vereinigungen aufgebaut, wie beispielsweise dem Blinden-und Sehbehindertenbund, der Lebenshilfe, dem Verein Barrierefreies Alsfeld oder der MS Selbsthilfegruppe. „Betroffene mit viel Erfahrung können anderen Betroffenen in der Regel am besten helfen und sie beraten. Für solche selbstorganisierten Beratungen sollen unsere Räume ebenfalls zur Verfügung stehen. “ Auf diese Weise sollen Schnittmengen gefunden werden, die zu mehr Teilhabe führen: „Inklusion ist ein gemeinsames Ding“, betont Sommer.
Nach einem Jahr resümieren er und seine Kollegin einen hohen Beratungsbedarf, der mit steigendem Bekanntheitsgrad noch wächst. „Wir sehen also die Notwendigkeit unserer Tätigkeit und möchten gerne alle Menschen mit Fragen zu ihrem Assistenz-und Teilhabeanspruch einladen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.“

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